HEBAMMEN-Spotlight: Wochenbett, Stillstart, Babyalltag

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Karin Müller ist seit vielen Jahren Hebamme und dies mit Leib und Seele. Sie ist im Hebammenzentrum, dem Verein freier Hebammen, in Wien tätig und verfügt über einen enormen Erfahrungsschatz, den sie im folgenden Interview mit unserer Community teilt.

 

Hebamme Karin Müller
Karin Müller

Vorbereitung auf das Leben mit dem Neugeborenen

Im Lauf der Schwangerschaft durchlaufen die werdenden Eltern eine Vielzahl an Emotionen: Vorfreude auf das Baby und das neue Leben als Familie, Verwirrung ob der Vielzahl an Ratschlägen und Tipps, die von allen Seiten auf sie eintreffen, Zweifel, ob sie den kommenden Herausforderungen auch gewachsen sind, große Aufregung vor dem Abenteuer Geburt.

Es ist nur verständlich, dass sich Paare auf das Kommende bestmöglich vorbereiten wollen. Google & Co führen hier jedoch ganz oft eher zu weiterer Verwirrung als zur erhofften Klärung auftauchender Fragen. In diesem Artikel lesen Sie, welche Vorbereitungen aus Sicht der Hebamme sinnvoll sind und wo Sie gute Unterstützung erhalten können.

 

Geburt, das große Abenteuer

Ja, sie ist anstrengend, aber sie ist schaffbar!

Es ist beeindruckend, welche wir Frauen in uns tragen, um mit dem Geburtsschmerz umzugehen! Überlegen Sie doch einmal, was Ihnen bei bisherigen Schmerzerfahrungen hilfreich war. Ganz viele dieser Hilfestellungen sind auch unter der Geburt anwendbar:

Wärme oder Kälte:

eine Wärmflasche im Kreuz, ein warmes Bad, ein kaltes Tuch im Gesicht und frische Luft

Bewegung:

umhergehen, Becken kreisen, stampfen, tanzen, verschiedene Geburtspositionen einnehmen oder auch nur sich im Bett von einer Seite auf die andere drehen

Atmung:

den Schmerz rausatmen, zum Schmerz hinatmen, sich aufs Ausatmen konzentrieren, und damit für eine gute Sauerstoffversorgung von Mutter und Kind sorgen

Laut sein:

tönen, stöhnen, singen, seufzen, jammern, schimpfen, fluchen, schreien… Schreien erhöht den Druck des Zwerchfells nach unten, was das Mitschieben effektiver macht.

Atmosphäre:

Musik, Düfte, sich auf etwas Angenehmes konzentrieren

Affirmationen:

z.B. »Eine Minute lang kann ich ALLES schaffen!«

Berührung:

Massagen, fester Gegendruck z.B. aufs Kreuzbein, fest die Hand des Partners/der Partnerin drücken

Begleitung:

nicht allein gelassen werden, aber auch allein und ungestört sein dürfen

Unterstützung:

Motivation und Vertrauen der Menschen in die Kraft der Gebärenden

 

Wie kann ich als Partner/Partnerin/Begleitperson bei der Geburt hilfreich sein?

Der einfachste und gleichzeitig wichtigste Aspekt ist Ihre bewusste Anwesenheit. Sie sind für die Gebärende Vertrautheit und Sicherheit in Person – und das ist viel wert. Denn niemand der Anwesenden kennt die Gebärende besser als Sie. Was hilft Ihrer Partnerin am besten beim Entspannen? Schmusen, Massieren, Witze erzählen vielleicht. Wahrscheinlich wird es zu Momenten kommen, wo Sie sich unsicher oder hilflos fühlen. Tauchen Sorgen bei Ihnen auf – fragen Sie beim medizinischen Personal nach! Wird es Ihnen zu viel – scheuen Sie sich nicht, den Raum zu verlassen. Konkrete Hilfestellungen können sein: feste Massage, Mitatmen, bei Gebärpositionen unterstützen, die Hebamme um Hilfe bitten, Getränk anbieten,… Sie sind nicht dazu da, sich bei der Geburt auszukennen, nehmen Sie Hilfe von medizinischem Fachpersonal in Anspruch!

Geburtsvorbereitungskurse bieten neben Informationen zum Ablauf der Geburt auch Körperübungen, die bei der Geburt hilfreich sein können und beantworten praktische Fragen (was vorbereiten, wann losfahren, erste Zeit mit dem Baby etc.). Außerdem bieten sie einen Raum, um über Unsicherheiten oder Sorgen zu sprechen und ermöglichen den Austausch mit anderen Frauen bzw. Paaren, um sich gemeinsam auf das bevorstehende Abenteuer einzustimmen.

 

Anschaffungen fürs Baby – was ist wirklich notwendig?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Planung und Organisation einen großen Stellenwert haben. Die Geburt selbst jedoch kann man nicht planen: weder, wann sie losgeht, noch wie lang sie dauert oder wie man mit den Wehen zurechtkommen wird. Auch haben die meisten Frauen, wenn sie selbst Mutter werden, noch keine Geburt miterlebt. Unbekanntes und Unplanbares kann ganz schön Angst machen. Deshalb gewinnt alles, was man im Voraus planen und vorbereiten kann, eine besondere Bedeutung. Das Phänomen ist auch als „Nestbautrieb“ bekannt: Spätestens im Mutterschutz wird alles für die Ankunft des neuen Erdenbürgers hergerichtet und es stellt sich rasch die Frage, welche Anschaffungen wirklich sinnvoll und notwendig sind. Hier macht es Sinn, sich an der Frage zu orientieren, welche Grundbedürfnisse Babys haben. In erster Linie brauchen sie Nähe, Wärme und Körperkontakt, natürlich Nahrung – idealerweise in Form von Muttermilch – und Menschen, die sich liebevoll und aufmerksam um sie kümmern. Die Babys wurden neun Monate von ihrer Mutter ausgetragen und haben die Geräusche ihrer Stimme, ihres Herzschlags, ihrer Atmung etc kennengelernt. Allein irgendwo zu liegen, verunsichert die meisten Neugeborenen sehr und sie werden rasch unruhig. Ein noch so liebevoll eingerichtetes Kinderzimmer dient in der Realität ganz oft – und das jahrelang – als Abstellraum, bevor Kinder es für sich zu nutzen beginnen.

Oft von Firmen herausgegebene Anschaffungslisten gehen davon aus, dass Eltern nur das Beste für ihre Kinder wollen (und dass sich damit gutes Geschäft machen lässt). Sprechen Sie mit Ihrer Hebamme durch, was wirklich als anfängliche Anschaffung sinnvoll ist!

 

Wochenbett – Ankommen auf der Welt und in der Elternrolle

Der Begriff »Wochenbett« meint die ersten sechs bis acht Wochen nach der Geburt, in denen sich die Mutter von dieser intensiven Erfahrung der Geburt erholen darf. Dabei stehen körperliche Rückbildungsprozesse, der Start des Stillens, aber auch die emotionale Umstellung auf die neue Lebenssituation im Fokus. Es braucht Zeit und Energie, in die neue Rolle als Mutter und Vater* hineinzufinden. »Erwartet unerwartet« sind oft die Gefühle, die auftauchen, wenn den Eltern so richtig bewusst wird, dass sie die wichtigsten Menschen im Leben dieses Kindes sind, für das sie ab nun für immer Verantwortung tragen.

Körperlich ist bei Frauen im Wochenbett meist eine große Müdigkeit da, die Geburt war anstrengend, die Nächte sind durch das Stillen oder Füttern ungewohnt unterbrochen. Es tut gut, viel zu liegen, zu ruhen und auch zu schlafen, wenn das Baby schläft. Weiters hilft gutes, warmes Essen, die Energiereserven wieder aufzufüllen. Bitten Sie doch schon in der Schwangerschaft Ihr Umfeld darum, Ihnen nach der Geburt frisch gekochtes Essen vorbeizubringen (statt Blumen oder der dritten Babyrassel). Es macht auch viel Sinn, die Besuchsdauer von vornherein zu begrenzen (maximal eine Stunde) und maximal einen Besuch pro Tag zu empfangen. Sie sind nicht dazu da, den Besuch zu bewirten! Willkommene Besucher sind die, die „die Arbeit sehen“ und Sie auch wirklich praktisch im Haushalt unterstützen, den Einkauf mitbringen etc.

Psychisch erleben frisch gebackene Eltern oft ein Wechselbad an Gefühlen, großer Stolz, großes Staunen und Freude über ihr Kind, aber auch Verwirrung durch widersprüchliche Ratschläge von allen Seiten und viele Unsicherheiten, weil Eltern nichts falsch machen möchten.

Wir sehen oft eine große Diskrepanz: Die frisch gebackenen Mütter fühlen sich unendlich kraftvoll und gleichzeitig ist der Körper zutiefst müde von der Anstrengung der Geburt. Wir empfehlen: Machen Sie erste Spaziergänge lieber erst ab der zweiten Woche nach der Geburt, und besser »ins Grüne«, also zum Beispiel durch den Innenhof oder zur allerersten Parkbank, statt zu Apotheke und Supermarkt. Besonders rund um den dritten Tag nach der Geburt treten oft auch Selbstzweifel oder negative Gefühle auf und Tränen möchten fließen – hier tut alles gut, was Sie stärkt: Ruhe (keine Besuche an diesem Tag!), Zuspruch, eine Massage oder Ihr Lieblingsessen.

Wie schön, dass es für diese spannende Zeit eine kompetente Begleitung – die Hebamme – gibt! Sie beantwortet Ihre großen und scheinbar kleinen Fragen, unterstützt Sie bei allen praktischen Tätigkeiten, hat alle Beteiligten im Blick und bestärkt Sie auf Ihrem Weg ins Elternsein. Hebammenbetreuung im Wochenbett ist eine Kassenleistung und aus unserer Sicht unverzichtbar.

 

Mythen versus Hebammenrealität

Rund ums Elternsein und das Stillen existieren so viele Mythen, dass sich damit allein ein ganzer Artikel füllen ließe. Vier möchte ich hier exemplarisch herauspicken – und widerlegen.

 

1) Mütter erkennen besser, was ihr Baby braucht, können es besser beruhigen etc als Väter

Das Phänomen ist bekannt: Sobald das Baby unruhig wird, wandert es ganz rasch vom Papa zur Mama zurück. Tatsache ist: von vornherein können es beide gleich gut (es sei denn, jemand hat einen Übungsvorsprung, weil es sein/ihr zweites Kind ist oder man ganz viel babygesittet hat etc). Beide müssen ist Kind erst kennenlernen, seine Signale verstehen lernen. Es gibt kein „Mama kann besser wickeln“-Gen. Bei Vätern, die sich von Beginn an auf ihr Kind einlassen, kann man ganz ähnliche hormonelle und neuronale Veränderungen feststellen wie bei Müttern. Hebammen ermutigen Väter sehr gern, sich vom ersten Tag an selber im Babyberuhigen und In-den-Schlaf-Begleiten zu üben.

 

2) Ich muss das doch alles auch allein schaffen können! Die anderen schaffen es ja auch!

Ein Kind zu versorgen, das ganz auf die liebevolle Fürsorge anderer Menschen angewiesen ist, 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche, ohne Feierabend, Wochenende oder Urlaub, ist eine enorme Herausforderung. Nie hätte sich die Evolution leisten können, Kinder so unselbständig auf die Welt zu schicken, wenn sie nicht davon ausgegangen wäre, dass es eine Großfamilie oder Dorfgemeinschaft gibt, die hier zusammenhilft. „Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen“ – schaffen Sie sich ein solches Dorf, lernen Sie beispielsweise andere Eltern in Babytreffs oder Stillgruppen kennen, üben Sie sich im Hilfe-Annehmen und im Perfektionsansprüche-Aufgeben!

 

3) Stillen ist ganz natürlich. Das wird nach der Geburt schon von allein in Gang kommen.

Es stimmt, dass die Brust schon in der Schwangerschaft beginnt, geringe Mengen an Muttermilch zu produzieren, und sofort nach der Geburt, wenn das Baby das erste Mal trinken möchte, auch Milch da ist. Auch stimmt es, dass Babys in den ersten 2 Stunden nach der Geburt einen sehr stark ausgeprägten Such- und Saugreflex haben. Wie ich aber erkenne ich, dass mein Baby hungrig oder satt ist, wie ich es richtig halte, dass es die Brust gut fassen kann, wie oft ein Baby überhaupt trinkt, um gut zu gedeihen – all das und vieles mehr müssen Eltern erst lernen und üben. Hebammen empfehlen daher, sich schon in der Schwangerschaft Informationen zum Stillbeginn zu holen – zwischen Geburt und erstem Stillen ist dafür keine Zeit 😊

 

4) In der Stillzeit darf die stillende Frau keine blähenden Lebensmittel zu sich nehmen.

Was stimmt, ist, dass viele Babys in den ersten Lebenswochen – vor allem in den Abendstunden – oft unruhige Phasen haben, wo sie viel weinen, mit Bauchweh kämpfen, sich vielleicht nur an der Brust beruhigen lassen. Das hat jedoch nichts mit der Ernährung der Frau zu tun – Blähstoffe gehen nicht in die Muttermilch über!

Machen Sie sich die enormen Umstellungen nach der Geburt bewusst: die Lunge entfaltet sich, die Atmung beginnt, der Kreislauf stellt sich um. Babys müssen lernen, ihre Körpertemperatur und ihren Blutzuckerspiegel aufrecht zu halten und sich bei Hunger zu melden. Die Schwerkraft wirkt plötzlich viel stärker, sie haben ungewohnt viel Platz und Licht um sich. Zum ersten Mal tragen die Kinder Windeln und Kleidung, werden berührt, hochgehoben und umgedreht. All diese neuen Eindrücke müssen erst einmal verdaut werden!

Empfindungen, die das Kind aus der Gebärmutter kennt, können beruhigen: Versuchen Sie es mit Wärme, Tragen, Summen, dem eigenen Ruhigbleiben… – und essen Sie was Ihnen beliebt! In der Stillzeit brauchen Sie eine bunt-abwechslungsreiche, vielfältige Ernährung!

Stillenden Frauen wird geraten, vor allem auf eine gute Zufuhr von Jod und langkettigen ungesättigten Fettsäuren zu achten. Bestehende Mangelzustände (sehr häufig: Vitamin D, Eisen) sollen natürlich ausgeglichen werden. Bei bestimmten Ernährungsformen sind auch zusätzliche Supplemente notwendig (zB Vitamin B12, Calcium…).

 

Wo kann ich Unterstützung finden?

www.hebammen.at

Das Österreichische Hebammengremium, die Standesvertretung der Hebammen in Österreich, bietet auf seiner Homepage viele gute Informationen für werdende Eltern sowie die Funktion der Hebammensuche an.

www.hebammenzentrum.at

In Wien ist das Hebammenzentrum – Verein freier Hebammen eine gute Anlaufstelle, die neben Hebammenvermittlung und einem breiten Kurs- und Vortragsangebot als Familienberatungsstelle auch kostenlose Beratungen für (werdende) Eltern anbietet.

www.fruehehilfen.at

Österreichweit stellen die Frühen Hilfen umfangreiche Unterstützung für belastete Familien in den ersten drei Lebensjahren des Kindes zur Verfügung.

www.caritas.at

Auch von der Caritas gibt es ein wertvollen Hilfs- und Beratungsangebot für Familien in Notlagen oder Krisensituationen.

 

Zum Abschluss

In die neue Rolle als Mutter oder Vater hineinzuwachsen braucht Zeit. Austausch mit anderen Familien in ähnlichen Lebenssituationen nimmt oft sehr viel Druck. Wenn Eltern erfahren, dass es anderen Familien ganz ähnlich geht (zB dass ihr Baby auch nachts mehrmals aufwacht und nur im Körperkontakt mit den Eltern ruhig wird), wird klar, dass es sich um ein in diesem Alter ganz normales Babyverhalten handelt und nicht daran liegt, dass die Eltern etwas falsch machen. Es ist komplett egal, wie es daheim ausschaut (glauben Sie nicht alles, was auf Sozialen Medien präsentiert wird). Verbringen Sie lieber ganz viel Zeit mit Kennenlernen, Schauen und Staunen. Hebammen stehen in den ersten acht Wochen nach der Geburt unterstützend zur Verfügung. Informieren Sie sich, welche Angebote es für junge Eltern in Ihrem Wohnumfeld gibt.

Wir wünschen Ihnen, dass Sie das neue, bunte, chaotische, verliebte Miteinander fest genießen können!